Das
Heilige Land war ultimatives Ziel eines jeden Pilgers. Seit den Tagen
der Großen Völkerwanderung versammelten sich die Pilger, die
die Apostelgräber in Rom besucht hatten, in den Häfen italienischer
Küstenstädte, um nach Konstantinopel zu fahren und von dort
aus ins Heilige Land zu gelangen. Das war gefährlich, denn überall
konnten Wegelagerer den Pilgern auflauern. Die Kalifen selbst behinderten
nie die Pilgerfahrten. Bei der Rückkehr verbreiteten die Pilger die
Neuigkeiten von der Wagnis und der Pracht, die sie auf ihrer Reise erfahren
hatten.
Der Aufruf zu einer bewaffneten Pilgerfahrt – der Begriff "Kreuzzug"
war damals noch nicht gebräuchlich – von Papst Urban II. an
die Christenheit, das Heilige Grab und Jerusalem aus den Händen der
Ungläubigen zu befreien, traf auf ein überwältigendes Echo
im ganzen Abendland. Ein Hauptanreitz für dieses multinationale Unternehmen
war in erster Linie die Versprechung des Ablasses für begangene und
zukünftige Sünden auf Erden und somit der garantierte Einzug
in das Paradies. Eine gar zu verlockende Aussicht für den im Mittelalter
lebenden, sehr religiösen Menschen – zumal doch die Mehrheit
einiges an Sünden auf sich geladen hatten.
Der Adel Europas, besonders der Franzosen, sammelte sich. Doch als die
Kreuzfahrer mit ca. 70000 Mann in Konstantinopel zusammen trafen, stellte
sich als erstes Handikap heraus, dass es keinen eindeutigen Oberkommandierenden
gab. Jede Gruppe aus dem Kreuzfahrerheer vertrat ihre eigenen Interessen.
Zwischen den Streitkräften und ihren Führern bestand eine starke
Rivalität. Bedeutende Führer unter den Kreuzfahrern waren Herzog
Robert von der Normandie, Gottfried von Boullion, Herzog von Lothringen,
Hugo, Graf von Vermandois und Bruder des französischen Königs
Philip I. von Frankreich; Robert II. von Flandern; Raymond, Graf von Toulouse,
Anführer des stärksten Kontingents der Kreuzfahrer; Adhémar
der Bischof von Le Puy, Legat des Papstes und geistiger Führer des
Unternehmens; der normannische König von Sizilien Boemund von Tarent
und sein Neffe Tankred.
In
Konstantinopel lag die erste Schwierigkeit in der Person des Kaiser Alexius
(Basileus). Um seine Stellung in Kleinasien zu schützen, verlangte
er von den Anführern der Kreuzfahrer den Treueeid und das Versprechen,
alle eroberten Gebiete an ihn als Lehensherr zu übereignen. Nach
längerem Verhandeln akzeptierten die Fürsten das Verlangen des
Kaisers bis auf Raymond von Toulouse und Herzog Gottfried, die aber etwas
später dem Autokraten einen eingschränkten Eid leisteten.
Die zweite Schwierigkeit lag in der geografischen Unkenntnis der Kreuzfahrer
und in der logistischen Versorgung des Heeres. Nur die Byzantiner kannten
den Weg ins Heilige Land und konnten das Heer vom Seeweg aus versorgen.
Die Kreuzfahrer mussten sich auf die Führung und Versorgung der Griechen
verlassen. Da diese den Byzantinern nicht trauten – was nicht unberechtigt
war – ignorierten viele der edlen Herren deren Ratschläge.
So zogen Teile des Kontigentes durch unwirtliche Wüstenlandschaften
ohne jegliche Versorgung und zahlten einen hohen Tribut dafür.
So wurden sie in Kleinasien unablässig von den Türken angegriffen
und die sengende Sonne, Hunger und Durst in einer unwirtlichen Landschaft
trug zusätzlich zur Dezmierung des Heeres bei. Das Gelände war
für eine Schlachtformation der Ritter denkbar ungeeignet und die
Kontingente wurden des öfteren bei einer Flussüberquerung oder
ähnlich ungünstigen Umständen angegriffen. Ähnlich
erging es dem Kontingent Wilhelms von Potier, dass zu auseinandergezogen
und von natürlichen Hinternissen gehemmt, vom Türken umzingelt
und abgeschlachtet wurde. Zuerst belagerten die Kreuzfahrer 1097 Nicäa,
das sich nach weniger als einem Monat ergab, als die Kreuzfahrer die abgeschlagenen
Köpfe ihrer Gefangenen mit Wurfmaschinen in die Stadt schleuderten.
Auszug aus dem Tagebuch Rogers, Baron von Lunel in der Schlacht bei Nicäa:
"Es
war eine wilde Schlacht, Mann gegen Mann. Gesichter und Pferdeköpfe
schienen über einem Blutnebel zu schwimmen. Zeitweilig hörte
ich nichts, dann wieder durchdrang ein Schrei die Stille. Ich sah zerhackte
Gesichter, gewahrte einen Mann, dem ein Axthieb das Metall des Helms in
den Schädel getrieben hatte. Um uns wieherten und stürzten Pferde,
Krieger fielen zu Boden, wurden durchbohrt, aufgeschlitzt oder niedergetrampelt.
Ich war mit Schweiß bedeckt und wie benommen, kannte kein anderes
Ziel als den jeweils nächsten Mann, der mir vor die Augen kam. Mein
Blut war so erhitzt, dass ich es in den Ohren sausen hörte. Mechanisch
führte ich mein Schwert, verspürte weder Ermüdung noch
empfand ich zu meiner Verblüffung Furcht."
Sie zogen weiter nach der Stadt Antiochia auf die Bohemund Anspruch erhob
und so kam es unter den Heerführern zu einem heftigen Streit. Es
blieb angesichts des anrückenden, riesigen, feindlichen Heeres von
Kerboga nichts anderes übrig, als die Stadt einzunehmen oder den
Rückzug anzutreten. So fiel die Stadt nach monatelanger Belagerung
durch Bohemunds Bestechung eines türkischen Hauptmanns mit dem Namen
Firus in die Hände der Christen. Bei der Einahme von Antiochia wurde
keiner der Bewohner verschont. Kerboga zog mit seinem gewaltigen Heer
vor die Stadt und belagerte wiederum das christliche Heer. Im Angesicht
der Übermacht des Feindes und der wenigen Vorräte sank die Kampfmoral
auf dramatische Weise auf den Tiefstpunkt. Nur ein Wunder konnte das christliche
Heer erretten. Und das Wunder geschah: Ein Schildknappe Namens Bartholomä
hatte eine Erscheinung des Herrn Jesus Christus und dem Erzengel Michael,
die ihm den Weg zur "Heiligen Lanze" in der Stadt wiesen. Von
dieser heiligen Relique gestärkt gelang es den Christen, bei einem
Ausfall das Heer Kerbogas vernichtend zu schlagen. So war der Weg frei
nach Jerusalem.
Im Januar 1099 brach das Heer schliesslich nach Jerusalem auf. Gottfrieds
Bruder Balduin wandte sich unter dem Vorwand die Flanken des Heeres zu
sichern, nach Osten um dort ein eigenes Königreich zu errichten.
Die Kreuzfahrer zogen durch ein fast wasser- und nahrungsmittelloses Gebiet,
dass der Türke verwüstet hatte um den Vormarsch des Heeres zu
erschweren. Viele der Pferde und ihre Herren liessen auf dem Marsch völlig
entkräftet ihr Leben. Dennoch erreichten sie Palästina und das
Land bot reichlich Früchte und Gemüse, die Städte hatten
Wein, Brot und Käse im Überfluß und die wie immer problematische
Versorgung eines so grossen Heers in einem noch dazu fremden Land war
zunächst gesichert.
Drei Jahre nach ihrem Abmarsch erreichten die Kreuzfahrer Jerusalem –
hoch auf seinen Hügeln von starken Mauern und Türmen umgeben.
Die Verteidiger hatten die Viehbestände fortgetrieben sowie die umliegenden
Brunnen und Quellen vergiftet. Es bagan eine Belagerung nach traditionellem
Muster mit Belagerungstürmen, Rammböcken und Wurfgeschützen.
Die Stärke des Heeres betrug nur noch 21000 Mann. Am 14. Juli wurde
ein allgemeiner Sturm auf die Stadt angeordnet. Unter dem Schall der Fanfaren
setzte sich alles in Bewegung und die riesigen Wurfmaschinen spien Gesteine
– oder andere Geschosse – gegen die Mauern, während sich
zugleich drohend die Belagerungstürme näherten. Mitten im schrecklichsten
Pfeil- und Feuerregen nahte Herzog Gottfrieds Turm der Mauer, ließ
die Fallbrücke nieder und Gottfried setzte als Erster den Fuß
auf die Mauer Jerusalems, gefolgt von seinem Bruder Eustach, seinem Vetter
Balduin und der ganzen Schar seiner Getreuen. Dasselbe gelang kurz darauf
auch Raymond von Toulouse und unter dem ohrenbetäubenden Ruf aus
allen Kehlen "Gott will es", gelang es den Kreuzfahren, in die
Stadt einzudringen. Es begann ein sinnloses Gemetzel, bei dem niemand
verschont wurde. Mit gleichem Eifer wurde geplündert und vergewaltigt.
Die geschätzte Zahl der Opfer bei der Einnahme Jerusalems beläuft
sich auf ca. 70000 Menschen.

Karte des I. Kreuzzuges
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