DER I. KREUZZUG (1096-1099)
I. KreuzzugDas Heilige Land war ultimatives Ziel eines jeden Pilgers. Seit den Tagen der Großen Völkerwanderung versammelten sich die Pilger, die die Apostelgräber in Rom besucht hatten, in den Häfen italienischer Küstenstädte, um nach Konstantinopel zu fahren und von dort aus ins Heilige Land zu gelangen. Das war gefährlich, denn überall konnten Wegelagerer den Pilgern auflauern. Die Kalifen selbst behinderten nie die Pilgerfahrten. Bei der Rückkehr verbreiteten die Pilger die Neuigkeiten von der Wagnis und der Pracht, die sie auf ihrer Reise erfahren hatten.

Der Aufruf zu einer bewaffneten Pilgerfahrt – der Begriff "Kreuzzug" war damals noch nicht gebräuchlich – von Papst Urban II. an die Christenheit, das Heilige Grab und Jerusalem aus den Händen der Ungläubigen zu befreien, traf auf ein überwältigendes Echo im ganzen Abendland. Ein Hauptanreitz für dieses multinationale Unternehmen war in erster Linie die Versprechung des Ablasses für begangene und zukünftige Sünden auf Erden und somit der garantierte Einzug in das Paradies. Eine gar zu verlockende Aussicht für den im Mittelalter lebenden, sehr religiösen Menschen – zumal doch die Mehrheit einiges an Sünden auf sich geladen hatten.

Der Adel Europas, besonders der Franzosen, sammelte sich. Doch als die Kreuzfahrer mit ca. 70000 Mann in Konstantinopel zusammen trafen, stellte sich als erstes Handikap heraus, dass es keinen eindeutigen Oberkommandierenden gab. Jede Gruppe aus dem Kreuzfahrerheer vertrat ihre eigenen Interessen. Zwischen den Streitkräften und ihren Führern bestand eine starke Rivalität. Bedeutende Führer unter den Kreuzfahrern waren Herzog Robert von der Normandie, Gottfried von Boullion, Herzog von Lothringen, Hugo, Graf von Vermandois und Bruder des französischen Königs Philip I. von Frankreich; Robert II. von Flandern; Raymond, Graf von Toulouse, Anführer des stärksten Kontingents der Kreuzfahrer; Adhémar der Bischof von Le Puy, Legat des Papstes und geistiger Führer des Unternehmens; der normannische König von Sizilien Boemund von Tarent und sein Neffe Tankred.

I. KreuzzugIn Konstantinopel lag die erste Schwierigkeit in der Person des Kaiser Alexius (Basileus). Um seine Stellung in Kleinasien zu schützen, verlangte er von den Anführern der Kreuzfahrer den Treueeid und das Versprechen, alle eroberten Gebiete an ihn als Lehensherr zu übereignen. Nach längerem Verhandeln akzeptierten die Fürsten das Verlangen des Kaisers bis auf Raymond von Toulouse und Herzog Gottfried, die aber etwas später dem Autokraten einen eingschränkten Eid leisteten.

Die zweite Schwierigkeit lag in der geografischen Unkenntnis der Kreuzfahrer und in der logistischen Versorgung des Heeres. Nur die Byzantiner kannten den Weg ins Heilige Land und konnten das Heer vom Seeweg aus versorgen. Die Kreuzfahrer mussten sich auf die Führung und Versorgung der Griechen verlassen. Da diese den Byzantinern nicht trauten – was nicht unberechtigt war – ignorierten viele der edlen Herren deren Ratschläge. So zogen Teile des Kontigentes durch unwirtliche Wüstenlandschaften ohne jegliche Versorgung und zahlten einen hohen Tribut dafür.

So wurden sie in Kleinasien unablässig von den Türken angegriffen und die sengende Sonne, Hunger und Durst in einer unwirtlichen Landschaft trug zusätzlich zur Dezmierung des Heeres bei. Das Gelände war für eine Schlachtformation der Ritter denkbar ungeeignet und die Kontingente wurden des öfteren bei einer Flussüberquerung oder ähnlich ungünstigen Umständen angegriffen. Ähnlich erging es dem Kontingent Wilhelms von Potier, dass zu auseinandergezogen und von natürlichen Hinternissen gehemmt, vom Türken umzingelt und abgeschlachtet wurde. Zuerst belagerten die Kreuzfahrer 1097 Nicäa, das sich nach weniger als einem Monat ergab, als die Kreuzfahrer die abgeschlagenen Köpfe ihrer Gefangenen mit Wurfmaschinen in die Stadt schleuderten.

Auszug aus dem Tagebuch Rogers, Baron von Lunel in der Schlacht bei Nicäa:

I. Kreuzzug"Es war eine wilde Schlacht, Mann gegen Mann. Gesichter und Pferdeköpfe schienen über einem Blutnebel zu schwimmen. Zeitweilig hörte ich nichts, dann wieder durchdrang ein Schrei die Stille. Ich sah zerhackte Gesichter, gewahrte einen Mann, dem ein Axthieb das Metall des Helms in den Schädel getrieben hatte. Um uns wieherten und stürzten Pferde, Krieger fielen zu Boden, wurden durchbohrt, aufgeschlitzt oder niedergetrampelt. Ich war mit Schweiß bedeckt und wie benommen, kannte kein anderes Ziel als den jeweils nächsten Mann, der mir vor die Augen kam. Mein Blut war so erhitzt, dass ich es in den Ohren sausen hörte. Mechanisch führte ich mein Schwert, verspürte weder Ermüdung noch empfand ich zu meiner Verblüffung Furcht."

Sie zogen weiter nach der Stadt Antiochia auf die Bohemund Anspruch erhob und so kam es unter den Heerführern zu einem heftigen Streit. Es blieb angesichts des anrückenden, riesigen, feindlichen Heeres von Kerboga nichts anderes übrig, als die Stadt einzunehmen oder den Rückzug anzutreten. So fiel die Stadt nach monatelanger Belagerung durch Bohemunds Bestechung eines türkischen Hauptmanns mit dem Namen Firus in die Hände der Christen. Bei der Einahme von Antiochia wurde keiner der Bewohner verschont. Kerboga zog mit seinem gewaltigen Heer vor die Stadt und belagerte wiederum das christliche Heer. Im Angesicht der Übermacht des Feindes und der wenigen Vorräte sank die Kampfmoral auf dramatische Weise auf den Tiefstpunkt. Nur ein Wunder konnte das christliche Heer erretten. Und das Wunder geschah: Ein Schildknappe Namens Bartholomä hatte eine Erscheinung des Herrn Jesus Christus und dem Erzengel Michael, die ihm den Weg zur "Heiligen Lanze" in der Stadt wiesen. Von dieser heiligen Relique gestärkt gelang es den Christen, bei einem Ausfall das Heer Kerbogas vernichtend zu schlagen. So war der Weg frei nach Jerusalem.
Im Januar 1099 brach das Heer schliesslich nach Jerusalem auf. Gottfrieds Bruder Balduin wandte sich unter dem Vorwand die Flanken des Heeres zu sichern, nach Osten um dort ein eigenes Königreich zu errichten. Die Kreuzfahrer zogen durch ein fast wasser- und nahrungsmittelloses Gebiet, dass der Türke verwüstet hatte um den Vormarsch des Heeres zu erschweren. Viele der Pferde und ihre Herren liessen auf dem Marsch völlig entkräftet ihr Leben. Dennoch erreichten sie Palästina und das Land bot reichlich Früchte und Gemüse, die Städte hatten Wein, Brot und Käse im Überfluß und die wie immer problematische Versorgung eines so grossen Heers in einem noch dazu fremden Land war zunächst gesichert.

I. Kreuzzug Drei Jahre nach ihrem Abmarsch erreichten die Kreuzfahrer Jerusalem – hoch auf seinen Hügeln von starken Mauern und Türmen umgeben. Die Verteidiger hatten die Viehbestände fortgetrieben sowie die umliegenden Brunnen und Quellen vergiftet. Es bagan eine Belagerung nach traditionellem Muster mit Belagerungstürmen, Rammböcken und Wurfgeschützen. Die Stärke des Heeres betrug nur noch 21000 Mann. Am 14. Juli wurde ein allgemeiner Sturm auf die Stadt angeordnet. Unter dem Schall der Fanfaren setzte sich alles in Bewegung und die riesigen Wurfmaschinen spien Gesteine – oder andere Geschosse – gegen die Mauern, während sich zugleich drohend die Belagerungstürme näherten. Mitten im schrecklichsten Pfeil- und Feuerregen nahte Herzog Gottfrieds Turm der Mauer, ließ die Fallbrücke nieder und Gottfried setzte als Erster den Fuß auf die Mauer Jerusalems, gefolgt von seinem Bruder Eustach, seinem Vetter Balduin und der ganzen Schar seiner Getreuen. Dasselbe gelang kurz darauf auch Raymond von Toulouse und unter dem ohrenbetäubenden Ruf aus allen Kehlen "Gott will es", gelang es den Kreuzfahren, in die Stadt einzudringen. Es begann ein sinnloses Gemetzel, bei dem niemand verschont wurde. Mit gleichem Eifer wurde geplündert und vergewaltigt. Die geschätzte Zahl der Opfer bei der Einnahme Jerusalems beläuft sich auf ca. 70000 Menschen.

Karte I. Kreuzzug
Karte des I. Kreuzzuges