Im
August 1198 rief Papst Innozenz III. einen neuen Kreuzzug aus. Lokale
Predigten – wie auch des Papstes beispiellose Entscheidung, die
Kirche zur Unterstützung der Kreuzfahrer zu besteuern – trugen
dazu bei, dass sich um die Herzöge der Champagne, von Blois und Flandern
sowie um einige bedeutende Herren von Frankreich der Kern der künftigen
Streitmacht bildetete. Der Kreuzzug sollte in das Zentrum der muslimischen
Macht im Nahen Osten, das bedeutete Ägypten, führen. Venedig
übernahm den Transport und verpflichtete sich vertraglich, 4.500
Ritter, 9.000 Schildknappen und 20.000 Fußsoldaten für 85.000
Mark in Silber nach Ägypten zu verschiffen. Als im Oktober 1202 nur
etwa ein Drittel der Kreuzfahrer Venedig erreichte, konnten diese die
ausgemachte Summe für den Transport nicht aufbringen. Statt dessen
versprachen die Kreuzfahrer den Venezianern ihre Hilfe, bei der Rückeroberung
der Stadt Zara, die 1186 an die Ungarn gefallen war. Trotz des Verbotes
des Papstes, christliche Städte anzugreifen, wurde Zara einen Monat
später eingenommen.
Währenddessen
wurde das Byzantinische Reich von einer Krise in der Herrscherdynastie
erschüttert. Der Kaiser Isaak Angelos war von seinem Bruder Alexios
III. abgesetzt und geblendet worden. Isaaks Sohn floh in den Westen, um
bei den Kreuzfahrern um Hilfe zu bitten. Sollten sie ihm und seinem Vater
wieder zum Thron verhelfen, würde er ihnen 200.000 Mark in Silber
bezahlen, die orthodoxe Kirche mit der katholischen wiedervereinigen und
ein großes Heer für Feldzüge im Heiligen Land bereitstellen.
Die Venezieaner und der Großteil der Führer des Kreuzzuges
stimmten zu. Viele Kreuzfahrer allerdings trennten sich vom Heer und segelten
direkt ins Heilige Land.
Das Hauptheer landete am 24. Juni bei dem Konstantinopel gegenüber
liegendem Ort Chalkedon. Von Scutari aus überquerten sie den Bosporus,
nahmen Galata am 6. Juli ein und maschierten am Goldenen Horn entlang.
Die Venezianer bereiteten inzwischen den Angriff von der Seeseite her
vor. Am 17. Juli erfolgte der Hauptsturm auf die Stadt, der zur Flucht
von Alexios' III. und zur Befreiung Isaaks führte. Der
junge Alexios IV. – der gekrönte Mitkaiser seines Vaters –
versuchte, den Verpflichtungen gegenüber seinen Verbündeten
nachzukommen, die außerhalb der Stadtmauern ihre Lager aufgeschlagen
hatten. Das Volk und der Klerus Konstantinopels jedoch lehnten die Bedingungen
der Abmachung und die Anwesenheit der Kreuzfahrer ab. Anti-westliche Emotionen
entluden sich in Tumulten und Straßenkämpfen. Im Januar 1204
wurden Alexios IV. und sein Vater abgesetzt und ermordet. Alexios V.,
der neue Kaiser, war den Kreuzfahrern gegenüber feindlich gesinnt.
Die Kreuzfahrer entschlossen sich zur Einnahme Konstantinopels. Im März
unterschrieben die Venezianer und die Kreuzfahrer einen Vertrag, der das
Byzantinische Reich als Beute aufteilte und so dessen Untergang beschloß.
Nach dreitägigem Morden und Plündern war die Stadt am 15. April
in ihrem Besitz. In der Hagia Sophia wurde Graf Balduin von Flandern zum
ersten lateinischen Kaiser gekrönt. Der Großteil des Südens
von Griechenland wurde im folgenden Winter erobert.

Karte des VI. Kreuzzuges
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